Frankfurt wächst (vorerst) nicht mehr

Gute Entwicklung aus schlechtem Grund

Frankfurt wächst (vorerst) nicht mehr

Hübners Frankfurter Woche – Folge 2

Bis die Virusplage auch über Frankfurt am Main kam, gab es alljährlich zu vermelden: Die Stadt wächst und wächst. Das war allerdings immer nur die halbe Wahrheit. Denn Frankfurt ist in der Fläche um keinen Quadratmeter in den letzten zehn Jahren gewachsen, wohl aber rasant an der Zahl ihrer Einwohner. Aus dieser Entwicklung leiteten sich viele politische Anforderungen und auch Probleme ab, also Knappheit an bezahlbaren Wohnungen, höhere Beanspruchung der verkehrlichen und technischen Infrastruktur, Belastungen von Grünflächen, Erholungszonen usw. Für die Stadtpolitiker von CDU, SPD oder Grünen war das Einwohnerwachstum jedoch stolzer Beweis für die Attraktivität der Stadt. Im Jahr 2020 nun ist Frankfurt nicht mehr gewachsen, sondern wahrscheinlich sogar minimal geschrumpft.

Wer an der früheren Entwicklung Kritik übte, weil diese die Stadt zu überfordern drohte, wurde ganz schnell beschuldigt, um Frankfurt eine Mauer oder einen Wassergraben bauen zu wollen. So erging es vor allem der Fraktion der Bürger Für Frankfurt (BFF) im Römer, die nicht bereit war, die sich aus dem hohen Wachstum ergebenden Probleme auszublenden. Denn wenn eine Stadt nicht in der Fläche wächst, sondern nur an der Einwohnerzahl, dann muß das zur Verdichtung im Raum führen. Diese Verdichtung findet jedoch nicht für alle Menschen gleichermaßen statt. Betroffen sind davon vorrangig sozial schwächere Bevölkerungskreise, in Frankfurt meist migrantischen Ursprungs. Hinzu kommen die vielen mit Flüchtlingen vollgestopften Unterkünfte im Stadtgebiet.

Die Virusgefahr hat die Situation grundlegend verändert, jedenfalls einstweilen. Denn offenbar haben erstmals seit langem so viele Menschen Frankfurt verlassen, wie neu hinzugekommen sind. Es gibt kaum einen Zweifel, daß diese Entwicklung entscheidend mit der Virusgefahr zusammenhängt. In einer stark verdichteten Stadt ist die Infektionsgefahr nun einmal höher als in kleineren Städten oder gar auf Dörfern. Eine unbekannte Zahl von Frankfurter Einwohnern hat daraus Konsequenzen gezogen und ist ins Umland ausgewichen oder aber in das jeweilige Herkunftsland zurückgekehrt. Da die Bevölkerungszahl allerdings ungefähr gleich geblieben ist, hat sich an der bereits herrschenden Verdichtung nichts Wesentliches geändert.

Diese Verdichtung ist nach neueren Untersuchungen dort, wo sie in Vierteln und Wohnungen geballt existiert, auch der infektionsanfälligste Gefahrenherd. Wenn Menschen so gedrängt zusammenleben, verbreitet sich das Virus rascher. Insofern ist dieses Gesundheitsproblem auch und nicht zuletzt ein soziales Problem. Die etablierte Politik in Frankfurt hat diese Möglichkeit bei all ihrer Begeisterung über „Wachstum, Wachstum über alles“ völlig ignoriert. Und die vermeintliche „Lösung“, nämlich „Bauen, bauen, bauen!“, ist gar keine, weil damit die Verdichtung nur noch größer werden würde. Einmal mehr zeigt sich, daß es politisch richtig ist, auch unpopuläre Kritik zu üben. Dass ein schlechter Grund nun die Einwohnerentwicklung stoppt, ist bedauerlich, ändert aber nichts an der Berechtigung der leider mißachteten und sogar diffamierten Kritik der Bürger Für Frankfurt BFF in den vergangenen Jahren am einseitigen Wachstum.



Wolfgang Hübner


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