Bunkerreport Marbachweg

Ein Musikproduzent spricht Klartext

Bunkerreport Marbachweg
© Fotos: Claus Folger

Frankfurter Kreative haben es schwer, sich Aufmerksamkeit neben den Bankentürmen, der Messe und dem Flughafen zu verschaffen. Das Cluster der Kreativwirtschaft in Hessen e.V. (CLUK) plant daher für Frankfurt ein 'House of Creativity and Innovation', um dort Kultur- und Kreativschaffende zusammenzuführen. Das sogenannte HOCI steht im Masterplan der Wirtschaftsförderung Frankfurt, im Vollversammlungsbeschluss der IHK Frankfurt und nicht zuletzt im Koalitionsvertrag für Frankfurt 2021–2026.

Die Frage ist, ob der Musikbunker Marbachweg, dessen Tage gezählt scheinen, nicht konkret fassbar die Kulturstätte bzw. das Kreativhaus darstellt, welches die vom Magistrat gepuderten Kreativwirtschaftsförderer des CLUK mit ihrem HOCI verschwommen visionär vor Augen haben? Oder: Inwieweit ist der Marbachwegbunker ein Ort für Branchenvielfalt, Kreativität und Innovation?


BFF vor Ort: Produzentenschmied Michael Kohlbecker, der im Bunker seit 2009 Musikproduzenten weiterbildet, öffnet dessen Pforten. Vorbei an einem Proberaum der Böhse Onkelz passieren wir zwei große Papierarchive: des hessischen Facility-Managements und der Oberfinanzdirektion in Sachen Commerzbank. „Wahre Papiertunnel stellen für die Branddirektion Frankfurt offensichtlich keinen Brandschutzmangel dar“, sagt er. Außerdem brauche es keine angemahnte zweite Rauchgasentlüftungsanlage. „Es gibt schon die erforderlichen Rauchabzugslöcher“, zeigt er. Sie seien nur von außen nicht zu erkennen, da von Gestrüpp zugewachsen.

In seinem Studio angekommen zählt Michael Kohlbecker die unterschiedlichen Felder im Bunker auf: „Eine Art zweite Jugendmusikschule, Weiterbildung wie in meinem Fall, elektronische Musikproduktion, multimediale Produktion, Filmproduktion, Musikvideoproduktion, Rock und Heavy Metall, sehr viele Instrumentalisten nicht nur vom hr-Orchester und der Bigband, die supergroße Frankfurter Hip-Hop-Szene mit Künstlern wie Haftbefehl, Texter, die in Ruhe schreiben wollen, wir haben alles. Am Ende sind es mehrere hundert Personen, die alle im kreativen Bereich unternehmerisch tätig sind, also nicht irgendwelche Hobbybands oder so, sondern wir sind hier schwer am Schaffen und exportieren Frankfurter Kultur.“


Der umgängliche Unternehmer hält das House of Creativity and Innovation für ein diffuses Zuschussgeschäft. In der Tat plant ein Teil der Initiatoren ihre eigenen Agenturen dort unterzubringen, idealerweise zu einer Pacht von zentrumsnahen 5 € pro Quadratmeter. Er holt zum Punch aus: „Die sogenannte Kreativwirtschaft steht nicht für die wahre, substantielle Kulturentstehung. Wir machen das, was sie kopiert und verwertet. Wir schaffen Arbeitsplätze und sind kein parasitäres System. Was die Stadt vage mit dem HOCI anstrebt, ist mit unserem Haus schon da. Es müsste nur mit einer geringen Budgetierung geschützt werden.“

Der Musikbunker ist für Michael Kohlbecker eine Stradivari, das letzte Kulturschutzgebiet, ein Schatz, der unwiederbringlich verloren gehen könnte. Er wundert sich über die Ignoranz der Zuständigen. „Ich habe der Kulturdezernentin Ina Hartwig klar geschrieben, wir haben es mit der und der Sachlage zu tun. Mein Schreiben wurde noch nicht einmal beantwortet. Wären wir in Amerika, würden wirtschaftlich denkende Investoren hier Schlange stehen, um in unseren Bunker zu investieren. Wir hatten schon klare, potente Leute hier, die haben 100.000 € auf den Tisch legen wollen, um hier ein 'creative valley' zu schaffen, wie in den USA. Mit denen wurde seitens der Stadt oder der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben nie gesprochen.“

Der Musikproduzent kanalisiert die Meinung im Bunker. Er spricht für viele, auch für seinen Musikerkollegen, den Mastering Engineer und Gitarrenmagier Mike Burn, der die Schließung des Marbachwegbunkers auch aufgrund seiner Größe und der Zahl der betroffenen Bands für eine Katastrophe hält. Frankfurt werde so seiner letzten wirklichen Kreativkeimzelle in Sachen Bandmusik beraubt.


Dies zu einer Zeit, in der immer mehr Menschen in den musikalischen Beruf drängen, der Musikunterricht an den Schulen deutlich besser geworden ist (Stichwort: SchoolJam), es in Sachen Musik also eine regelrechte Aufbruchstimmung in der Gesellschaft gibt. Der ehemalige „Flatsch“-Schlagzeuger Sepp’l Niemeyer, der seit Jahrzehnten unermüdlich für den Band-Nachwuchs im Rhein-Main-Gebiet ackert, unter anderem mit dem Kick-Nachfolger Virus Musik und regelmäßigen Newcomer-Festivals, berichtet von „wöchentlich fünf, sechs, sieben Anrufen von Musikern, die einen Proberaum suchen“.

Im Gegensatz zu Städten wie Hamburg gibt es in Frankfurt für Anrufer außerhalb der „Hochkultur“ allerdings kaum Empfang. Obwohl die neue Frankfurter Wirtschaftsdezernentin Stephanie Wüst (FDP) kürzlich auf einer CLUK.CREATORS FOR FUTURE-Veranstaltung im Lichthof der IHK Frankfurt mit Blickkontakt zum CLUK-Vorsitzenden Wolfgang Weyand (FDP) „die immense Bedeutung von Kultur- und Kreativwirtschaft für den Wirtschaftsstandort Frankfurt“ beschwor, hieß es aus ihrem Magistratskollegium auf Anfrage vom Sat.1 Regionalmagazin quasi im gleichen Atemzug, daß es unklar sei, ob der Kauf des Marbachwegbunkers von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) angesichts der aktuellen Finanzlage möglich sei.

Eine unglaubwürdige Aussage für eine Stadtregierung, welche die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Summe von ca. 1 Milliarde € in den Neubau von Oper und Schauspielhaus in der Innenstadt stecken möchte. Könnte man nicht ebenso leerstehende Veranstaltungshallen des aus heutiger Sicht völlig überdimensionierten Messegeländes für Oper und Schauspielhaus relativ kostengünstig ertüchtigen? „Der Unterhalt eines Messegeländes ist ein Zuschussbetrieb, der sich nicht allein über die Vermietung an Gastveranstalter finanzieren lässt“, gibt der Geschäftsführer der Messe Frankfurt, Wolfgang Marzin, zu bedenken.


Claus Folger

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