„Ich sterbe, weil diese Straße so aussieht“

Das Vermächtnis des Zu-den-drei-Steubern-Apfelweinwirts

„Ich sterbe, weil diese Straße so aussieht“
Fotos: C. Folger


Seit Mitte der 50er Jahre führte Wolfgang Wagner die kleine und unscheinbare Apfelweinwirtschaft an der Ecke Klappergasse/Dreieichstraße in Alt-Sachsenhausen, dessen kulturelles Erbe er sich zu bewahren aufgetragen hatte. Selbst die strikt linke Tageszeitung Junge Welt bezeichnete ihn als „Legende im Apfelweinsonnensystem Frankfurts“, dessen Lokal der „schönste Ort in Sachsenhausen“ gewesen sei.

Es ist, als ob mit dem Dahinscheiden des 89-Jährigen im Sommer letzten Jahres eine ganze Epoche zu Grabe getragen worden wäre. Laura Weingärtner (26), deren in der Klappergasse geborener Opa Bruno Weingärtner noch als bekannter Brezelbub bei „Steuber-Wolfgang“ seine Backwaren feilbot, schildert ihre letzten Eindrücke. Ich treffe sie im Klaane Sachsehäuser, einer der wenigen in Alt-Sachsenhausen verbliebenen Apfelweinwirtschaften, die auf eine mittlerweile 136-jährige Tradition zurückblicken kann:

„Obwohl Herr Wagner Alzheimer hatte, konnte er sich noch gut an meinen Opa Bruno erinnern. Trotz Alzheimer hat er sich immer über den Zustand der Straße aufgeregt. Als man seine Scheiben einschlug und sein Lokal komplett mit Graffiti beschmierte, war er extrem traurig.


Daraufhin schloss er sein Lokal erst einmal und wurde depressiv. Er wollte nicht mehr leben und sagte zu mir: ‚Sie sind doch die Enkelin von Bruno Weingärtner, können Sie meine Sache für mich weiterführen?‘ Im Frühling 2021 gab er mir schließlich seine Hand und verabschiedete sich sozusagen mit einem Händedruck von dieser Welt. Ich weinte eine Woche lang. Ging es ihm rein gesundheitlich zuletzt nicht wieder besser? Sein Lebensvermächtnis war jedenfalls sein Lokal, das von außen so verunstaltet wurde. Den letzten Nerv raubten ihm die an seiner Hausfassade vom Amt für Straßenbau und Erschließung aufgestellten Antiterror-Blöcke.“

Wie Architektur zur Verbesserung der sozialen Interaktion eingesetzt werden kann, ist – trotz vorhandener, relevanter Forschung dazu – kaum der Frankfurter Denkansatz, geht es doch um das höhere Gut eines äußerst abstrakten „Schutzes vor missbräuchlich genutzten Fahrzeugen zu terroristischen Zwecken“, wie es die Fachreferentin Cornelia Kops vom Dezernat für Wirtschaft, Sport, Sicherheit und Feuerwehr formuliert.


Sehr konkret dagegen ist der Terror, den die Alteingesessenen in Alt-Sachsenhausen erdulden müssen. Wer mit den Menschen im Viertel spricht, hört einiges von: Diskokönigen, die durch illegale Lauflichter und unglaublich laut dröhnenden, teilweise auf Fensterbänken stehenden Bässen Anwohner am Schlafen hindern; einem verprügelten Apfelweinwirt; ausländischem Klientel, das denkmalgeschützte Häuser runterwohnt; der Rapper-Szene, die seit 2017 die Hauswände in Alt-Sachsenhausen mit Graffiti beschmiert; fetten Ratten im Hinterhof einer Apfelweinwirtschaft, angelockt vom Müll aus der „Dönerkurve“ an der Elisabethenstraße; dem Eingangsbereich eines Kiosks am Paradiesplatz als Treffpunkt für eine gewaltbereite Lachgas-Drogen-Szene.
 
Der Tag danach

Sonntagmorgen 9.30 Uhr, Paradiesplatz. Bürger Für Frankfurt BFF vor Ort. Leere Lachgas-Einweg-Behälter aus der Drogenmetropole Amsterdam türmen sich auf einem Antiterror-Block.


Der Platz drumherum im Müll versunken. Feierwütige haben Samstagnacht zuerst das Lachgas in Luftballons gepumpt und es anschließend inhaliert. Obwohl das Lachgas oder Distickstoffmonoxid seit 2016 legal erhältlich ist, da es nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes nicht länger unter das strenge Arzneimittelgesetz fällt, hat sich längst eine Händlerszene entwickelt. Es kommt zu Exzessen. Eine Frau liegt bewusstlos auf dem Boden. Jemand hat sie niedergeschlagen. Niemand kümmert sich um sie. Die Polizei hat keine Zeit. So steckt es mir ein vom nächtlichen Lärm geplagter Anwohner zu.

„Auf dem Paradiesplatz steht prinzipiell kein Polizeiauto“, weiß Adrian Nutricia, Eigentümer des angrenzenden E-Zigaretten Fachgeschäfts. Was er aber tagsüber beobachtet, sind mit ihren dicken Autos vorfahrende Dealer, die vor seinem notwendigerweise mit Panzerglas versehenen Schaufenster ihre Geschäfte abwickelten und weder von Polizei und Ordnungsamt belangt würden, während seine Kunden für kurzes Halten oft genug vom Ordnungsamt abkassiert worden seien. Mit dem Aufstellen der Antiterror-Blöcke sei alles asozialer geworden, kommt er auf das für ihn Entscheidende zu sprechen. „Stimmt es, was man hört, daß die Stadt diese Klötzer gemietet hat?“, fragt er abschließend.

Hartmut Marx, der seit 26 Jahren zusammen mit seiner Frau den Fenstergucker betreibt, fängt mich ab. Vorbei am Oberbayern, wo der Eintracht-Star Martin Hinteregger tanzend auf dem Tresen den Europapokalsieg feierte, führt er mich zu seiner kleinen Kneipe in der Großen Rittergasse. Im schönen Sachsenhäuser Dialekt – den viele vermissen – beschwert er sich über das unmögliche Publikum, das frühmorgens auf seinen Bänken hockt und alles versifft: „Bagageköpp“, und auf Nachfrage: „unsere Multi-Kulti-Gesellschaft“. „Egal, was auch immer passiert. Bis auf Schlägereien, geht die Polizei grundsätzlich nichts an und das Ordnungsamt macht am liebsten Termine um 18.00 Uhr, wenn noch alles geschlossen ist“, sagt er.

Doch der Sommer lacht. Da schweben aus einem der Häuschen im Hof gegenüber drei Grazien im luftigen Sommerkleidchen. „Ist das echt oder wird hier gerade ein Film gedreht“, frage ich mich. „Kann man denn hier leben bei all dem Partyvolk?“, wende ich mich an die adretten Mädels. „Och, man gewöhnt sich daran“, meint die Deutsche unter ihnen nonchalant und lässt mich mit einem zauberhaften Lächeln zurück.

Um mit der engagierten Laura Weingärtner zu enden:

„Was die Leute aus der Generation meines Opas und generell die meisten Sachsenhäuser ausgestrahlt haben: Ihre Gesichter lächelten und schmunzelten, die Blicke hatten immer Charme und waren alle echt. Nie falsche Gesichter oder Leute, die sich besser darstellten wollten, als sie sind.“


C. Folger

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